Montag, 19. September 2011

Gitarrenbau in Frankfurt - eine Spurensuche

1. Runde
Manchmal passiert lange nichts und dann auf einmal viel. Auf die Gitarrenszene bezogen meine ich die großartige Ausstellung „Faszination Gitarre“ im Berliner Musikinstrumentenmuseum SIMPK und die Richard Jacob „Weißgerber“ gewidmete Ausstellung in Markneukirchen, zu der Christof Hanusch den Katalogteil und seine umfassenden Forschungen zur Lebensarbeit dieses Gitarrenbauers in einem schönen Buch vorgelegt hat.
Natürlich ist das, was da auf einmal passiert und die Oberfläche der Öffentlichkeit erreicht, das Ergebnis jahrelanger Vorbereitungsarbeit. Umso schöner!

Neben Vielem fiel uns in Berlin ein hübsches kleines Instrument, eine Terzgitarre, auf; ich tue ihm kein Unrecht, wenn ich sage, dass es vor allem der Zettel war: „Eugen Sprenger, Frankfurt 1912“.
Das nahm ich zum Anlass, einen alten Plan wieder aus der Schublade zu ziehen.
Ich wusste aus einem 20 Jahre zurückliegenden Zusammenhang, dass zum Musikinstrumentenbestand des  Historischen Museums in Frankfurt auch das Nachlasskonvolut eines Zupfinstrumentenmachers gehört. Könnte es sich dabei um Eugen Sprenger handeln?
Es waren nicht in erster Linie biographische Details, die mich interessierten, sondern die Vorstellung, möglicherweise etwas über die Arbeitsweise eines Mannes zu erfahren, der in der von Moden, Auf- und Abschwüngen gekennzeichneten Geschichte unseres Instruments in einem „historischen Moment“ arbeitete; der Zeit, in der sich die Gitarre durch die Auftritte der spanischen und lateinamerikanischen Virtuosen in deutschen Konzertsälen ein  neues Publikum eroberte.
Die Instrumente die sich jetzt durchsetzen, sind ganz anders als die, die bisher im mitteleuropäischen Kulturkreis eine Rolle gespielt haben. Die faszinierende Frage ist, ob und wie dieser Impuls aufgenommen wird und in der eigenen Lebensarbeit durchscheint. Der Blick zurück ist also auch ein Blick nach vorn: Wie werden Entwicklungen aufgenommen, wie bestimmen Einflüsse von außen die eigene Arbeit?
In Bezug auf z.B. Hauser und Weißgerber scheinen die Verhältnisse klar: Beide fangen an, Gitarren in „spanischer Manier“ zu bauen. Aber auch in Frankfurt traten spanische Gitarrenvirtuosen auf. Soviel zum Ausgangslage.
Über den „Lütgendorff“ war schnell herausgebracht, dass Eugen Sprenger Geigenbauer war und in der Frankfurter Innenstadt eine Werkstatt betrieb, in der auch sein Sohn nachfolgte. Weil es kein käufliches Verzeichnis des Bestands der Musikinstrumente im Historischen Museum gibt (das einzige und letzte stammt aus den zwanziger Jahren) wendete ich mich in der Hoffnung, von Sprenger  möglicherweise noch Instrumente im Bestand des Historischen Museums zu finden, an die Kuratorin der dortigen Musikinstrumentensammlung.
Mein Ansinnen wurde sehr freundlich behandelt. Von einer Mitarbeiterin des Museums betreut, bekam ich Gelegenheit, mir die digital gespeicherten Daten des Bestands anzusehen. (Die Instrumente sind derzeit eingelagert, der Museumstrakt aus den sechziger Jahren wird gerade abgerissen.)
Leider gab es von Sprenger keine weiteren Instrumente und so verlor sich seine Spur in ein paar Rechnungen, die er für Reparaturen, immerhin an Zupfinstrumenten der Sammlung, in den fünfziger Jahren gestellt hatte.

2.Runde
Bei der Durchsicht der Instrumentenkartei wurde das Interesse am Instrumentenbauer/Frankfurt -Thema auf einer neuen Stufe wach. Eine kleines Wiener Modell erregte meine Aufmerksamkeit, zu dem  folgende Daten notiert waren: „Martin Rüdiger, Frankfurt 1850.“
Im „Lütgendorff“ von 1922 ist unter diesem Namen folgendes vermerkt:

Rüdiger. M. - Frankfurt 1820.  Ist mir bisher nur durch einen Reparaturzettel bekannt geworden.

Ich durfte mir das Instrument ansehen, was von Seiten des Museums unter den derzeitigen, provisorischen Umständen ein großes Entgegenkommen war. So kam mir in der Restaurierungswerkstatt die Inv.Nr. x021 1948 unter die Augen:
Mensur nicht leicht zu bestimmen (ca.625-630mm), weil der Steg sich durch den Saitenzug hochgestellt hatte und an den Bohrungen für die Steckerl durchgebrochen war. Korpusform schmale Acht,  Fichte, Ahorn leicht geflammt, der Boden einteilig. Emberger Kopf mit (Original)Mechaniken, Kopfplatte mit verdecktem Schwalbenschwanz angesetzt.
Im Innern ein gedruckter Zettel: Martin Rüdiger  - Instrumentenbauer – in Frankfurt. 

In der Zwischenzeit hatte ich den von Thomas Drescher erweiterten Lütgendorff- Nachfolgeband zu Rate gezogen und bei „Martin Rüdiger“ keinen zusätzlichen Eintrag gefunden.
So konnte man, mit aller Vorsicht, von einem Ergebnis sprechen: Es gab jetzt das komplette Instrument von einem Mann, von dem bisher nur ein Reparaturzettel bekannt war.
Das Interessante war jetzt natürlich, ob noch mehr herauszufinden sei, was ein Licht auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen eines Instrumentenbauers dieser Zeit in Frankfurt werfen könnte.
Ernüchterung nach dem ersten Gang ins Stadtarchiv. Dass ich eine Nadel im Heuhaufen suche, wurde mir von einem Mitarbeiter schonend beigebracht. Im Archivbestand gibt es große Lücken durch die katastrophalen  Bombenangriffe, in denen die Altstadt 1945 verbrannte.
Instrumentenbauer waren zudem unter die Freien Künsten subsumiert, die in den  stadtobrigkeitlichen Akten keine Rolle spielen.
Ich könnte aber z.B.  im Geburtenbuch nachschauen um das bei Lütgendorff angegebene Geburtsjahr 1820 zu überprüfen. Das sei einfach, weil auf Microfilm einsehbar.
Langer Rede kurzer Sinn: Nach Stunden angestrengten Entzifferns schwungvoller Handschriften gab ich fürs erste auf. Ich hatte die Register M und R ohne Erfolg durchgesehen und sieben (von zehn) Folien Microfilm, die ihrerseits 35 Seiten in Handschrift abbildeten, zu lesen versucht.
So bleibt die Frage übrig, welche Angaben Lütgendorff  hatte, um seinen Eintrag mit dem Hinweis auf sein Geburtsjahr zu versehen: Rüdiger, M. - Frankfurt, 1820.
Was sich ergeben hat ist also nicht viel. Wenn man aber bedenkt, wie lange etwas ein bloßer Gedanke war, ist, um an den Anfang zurückzukehren, doch einiges geschehen.
Mal sehen, wie es weitergeht.